Akustisches Cocooning: die geschlossene Automobilkarosserie als Distanz- und Distinktionsmittel

In der Zwischenkriegszeit wandelte sich das automobile Leitbild von der ‚Abenteuermaschine’ zur alltäglichen ‚Fahrmaschine’. Damit einher ging die Einführung der geschlossenen Automobilkarosserie, die bis dato dem automobilen Luxussegment vorbehalten war. Das geschlossene Automobil wurde zunächst als schlichte Notwendigkeit angesehen, die dem Selbstfahrer einen sicheren Schutz vor Wind und Wetter gewähren sollte. Es war aber zugleich auch eine Art technisches Schutzorgan gegen die Zumutungen des Großstadtlebens, das heißt, das Auto ermöglichte zugleich räumliche und soziale Distanz.

Zur gleichen Zeit bemühten sich Automobilingenieure, das Automobil akustisch zu zähmen. Laute Geräusche wurden jetzt im technischen Diskurs als mechanische Ineffizienz, als Kraftvergeudung, interpretiert. Damit wurde der möglichst geräuschlose Gang des Motors zum erstrebenswerten Ziel an sich. Auch die Karosserie wurde durch verbesserte Federung und Schallisolierung konstruktiv beruhigt. Die neue Stille im geschlossenen Innenraum erhielt insbesondere in der Werbung die Zuschreibung von Luxus und Vornehmheit – das leise Automobil wurde so zum neuen Distinktionsmittel. Umso mehr stand dabei diese neue Stille im Kontrast zu der als laut und überfüllt empfundenen Enge der Großstadt. Aus der Ruhe des abgeschlossenen Innenraums konnte die Außenwelt mit der ‚Teilnahmslosigkeit des reinen Blicks’ auf Abstand gehalten werden. Im Ideal des leisen Automobils trafen sich gleichermaßen Distanz- und Distinktionsbedürfnis des automobilen Bürgertums.

Zugleich war die Beruhigung des Innenraums Vorbedingung für seine akustische Gestaltung durch das Autoradio. Bereits Ende der 1930er Jahre wurde das Radio als auditiver Reisebegleiter beworben. Zwar sollte sich das Radiohören beim Fahren erst viel später wirklich in der automobilen Praxis etablieren, dennoch können hierin die Anfänge des akustischen Cocooning gesehen werden. Geht es dabei doch nicht nur um soziale und akustische Isolation sondern ebenso sehr um Klangkontrolle.

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