Grenzwertig: Normierung von Gesundheit in historischer Perspektive (Doppelpanel Teil 1)

Samstag, 6. Februar
10:30 bis 13:00 Uhr
Raum 119

Das zweiteilige Panel untersucht, wie sich Grenzziehungen zwischen Krankheit und Gesundheit seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert historisch verändert haben. Medizinische Krankheitslehren beruhten noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend auf humoralpathologischen und symptomatisch orientierten Konzepten. Erst mit dem Aufkommen neuer Erklärungsmodelle wie der Zellularpathologie und Bakteriologie, später der Endokrinologie und der Genetik, setzte sich eine ätiologisch begründete Krankheitslehre durch. Mit der Etablierung klarer Ursachen eröffneten sich neue Möglichkeiten, diese Ursachen im Voraus zu bannen, was der Ausbreitung präventivmedizinischer Ansätze Tür und Tor öffnete. Zugleich entwickelten sich medizinische Messinstrumente und Normierungsregeln, die eine Grenzziehung zwischen Krankheit und Gesundheit bzw. Normalität und Abnormalität erlaubten und wissenschaftlich zu zementieren suchten. Statistisch-probabilistische Diagnosemethoden und eine entsprechende Datenerhebung legten die Basis zum gesundheitspolitischen Diskurs, der an der Wende zum 20. Jahrhundert vermehrt die Wahrnehmung und Bewertung von Krankheiten zu prägen begann. Das Feld medizinischer Normalität engte sich im Gleichklang mit den erweiterten Kenntnissen oder spekulativen Interpretationen pathologischer Faktoren zunehmend ein. Die wachsende Deutungsmacht, die der Medizin über die individuelle Gesunderhaltung hinaus auf soziopolitischer Ebene im Laufe des 20. Jahrhunderts zukam, erfasste über die Skandalisierung unterschiedlicher Normabweichungen immer grössere Teile der Bevölkerung, begann aber auch, die definierte Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit zusehends zu verwischen.

Die sechs Beiträge beleuchten verschiedene historische Abschnitte dieses Prozesses und fragen insbesondere nach den institutionellen und gesellschaftlichen Akteuren, die an diesen Entwicklungen beteiligt waren – von den ärztlichen Akteuren über die Krankenkassen und die Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens bis zu den Patienten und ihrem sozialen Umfeld. Dabei sollen auch Perspektiven der transnationalen Geschichte zum Tragen kommen. Zu fragen ist etwa, wieweit westliche Krankheitsbegriffe durch tropen- und kolonialmedizinische Praktiken verändert wurden. Weitere Aspekte betreffen die Grenzziehung zwischen "normalen" Individuen und solchen, die von einer medizinischen Norm abweichen, den Aufbau eines medizinisch begründeten gesellschaftlichen Bedrohungsszenarios durch Stigmatisierung bestimmter Merkmalsträger oder die Medikalisierung der Lebensführung zwischen Therapie und Moral.

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