Kontroverse Aneignungen von Geschichte: Repräsentation des Zweiten Weltkrieges in Schule und Gesellschaft

Donnerstag, 4. Februar
15:30 bis 18:00 Uhr
Raum 118

Im Zuge der Debatten um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in den 1990er Jahren sowie einer zunehmenden Kosmopolitisierung der Holocausterinnerung gerieten in der Schweiz tradierte Geschichtsbilder in Bewegung. Unterschiedliche gesellschaftliche Akteursgruppen bezogen sich dabei in zustimmender, adaptiver oder konkurrierender Weise auf die Arbeit der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK).

Mit Fokus auf Grenzen und Durchlässigkeiten thematisiert dieses Panel, inwiefern Ergebnisse, Perspektiven und Relevanzsetzungen der Geschichtswissenschaft in der schweizerischen Gesellschaft angeeignet, transformiert, popularisiert oder zurückgewiesen werden. In theoretisch-methodischer Hinsicht steht dabei die Frage nach Grenzziehungen zwischen Geschichtswissenschaft und Gedächtnis im Zentrum. Das Bemühen von Fachhistorikern, mit neuen Vermittlungsformen ein breites Publikum zu erreichen, stellt hierin eine kontrovers diskutierte Aufweichung dieser Grenze dar.

Im Panel werden Thesen aus drei aktuellen empirischen Forschungsprojekten präsentiert, die sich mit Fragen des Transfers und der Repräsentation von (geschichtswissenschaftlichem) Wissen auseinandersetzen.

Nicole Burgermeister und Nicole Peter (Universität Zürich) beleuchten anhand von Mehrgenerationeninterviews aktuelle Geschichtsbilder sowie die Resonanz der UEK-Forschungsergebnisse in der schweizerischen Bevölkerung. In den Fokus treten dabei Dynamiken von Erinnern und Vergessen wie sie in unterschiedlichen Repräsentationen der Zeit des Zweiten Weltkrieges sichtbar werden.

Vera Sperisen und Bernhard Schär (PH FHNW Aarau) behandeln die Vermittlung der UEK-Forschung im schulischen Geschichtsunterricht. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Geschichtslehrpersonen die Deutungen und die Didaktik des Lehrmittels "Hinschauen und Nachfragen. Die Schweiz und die Zeit der Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen" für sich interpretieren und wie sie das Lehrmittel im Unterricht einsetzen.

Nadine Fink (Universität Genf) geht auf die Ausstellung "L'histoire c'est moi" des Projekts "Archimob" ein, die audiovisuell aufbereitete Erinnerungen von 555 ZeitzeugInnen an den Zweiten Weltkrieg präsentierte. Anhand des Ausstellungsbesuchs von Genfer Schulklassen rekonstruiert Nadine Fink, wie die nachwachsende Generation sich die Erzählungen der sogenannten Aktivdienstgeneration aneignet.

In Anschluss an die Referate leitet der kommentierende Beitrag von Dr. Christof Dejung über zur Plenumdiskussion. Folgende Themen stehen dabei im Zentrum: Ausgehend von der Pluralität in der Schweiz existierender Repräsentationen des Zweiten Weltkrieges fragen wir nach Möglichkeiten und Grenzen des Transfers geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein gemeinsamer Fokus liegt darin, welche Formen nationaler Identifikationen der Vermittlung und Aneignung des Themas Schweiz – Zweiter Weltkrieg zugrunde liegen. Weiter fragen wir nach den konzeptionellen Konsequenzen, welche für eine geschichtswissenschaftliche Perspektive auf das zunehmend von transnationalen Gedächtnispolitiken beeinflusste Erinnerungsgeschehen in der Schweiz zu ziehen wären. Ausgelotet werden sollen dabei die Möglichkeiten und Grenzen (inter-) disziplinärer, theoretischer und methodischer Herangehensweisen sowie analytische Kategorien wie Generation, Geschlecht und Nation als Grundlage historischen Forschens.

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