Grenzen überwinden, um Grenzen zu setzen: Transnationaler Wissenstransfer und Human Rights Turn in Fürsorge und Sozialpolitik der Nachkriegszeit

Donnerstag, 4. Februar
15:30 bis 18:00 Uhr
Raum 212

Die in diesem Panel präsentierten Ergebnisse neuer Forschungsarbeiten zeigen, dass sich in der Schweiz eine menschenrechtliche Wende in einzelnen Bereichen der Fürsorge und Sozialpolitik lange vor der Implementierung von internationalen Normen und Standards abgezeichnet hat. In der professionellen Sozialarbeit sind die ersten Ansätze zu einem solchen Normenwandel für die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Im Fall der administrativen Versorgung entstand ein breiteres Problembewusstsein für rechtsstaatliche Defizite im Verlauf der 1960er Jahre, wobei dieser Diskurs Vorläufer hatte, die in die Zwischenkriegszeit, ja sogar das späte 19. Jahrhundert zurückreichten. Solche Befunde stehen im Gegensatz zur verbreiteten Annahme, dass die menschenrechtlichen Defizite und insbesondere ein fehlendes Problembewusstsein für Fragen der persönlichen Integrität und Menschenwürde in der schweizerischen Fürsorgepraxis und Sozialpolitik auf die vergleichsweise späte Ratifizierung von internationalen Normen zurückzuführen sind. Stattdessen zeigt die neuere Forschung aber, dass eine solche Sensibilisierung zumindest auf einzelne Gebiete bezogen durchaus vorhanden war und herkömmliche Praktiken entsprechend begründungsbedürftig machte.

Das wirft die Frage nach der Genese des neuen Problembewusstseins auf. In welchem Kontext und auf welchen Wegen fanden menschenrechtliche Wertvorstellungen Eingang in die Reflexion von Sozialpolitik und Fürsorge? Eine Antwort auf diese Frage finden die ReferentInnen im transnationalen Wissenstransfer. Als Drehscheiben für den grenzüberschreitenden Wissensaustausch und die Vermittlung von neuen Epistemen und Wertvorstellungen im Umgang mit dem Sozialen spielten internationale Organisationen und Konferenzen eine zentrale Rolle. Das zeigt exemplarisch das Beispiel der ILO und des von ihr 1944 angeregten diskursiven Wandels in der Konzeption des Verhältnisses von Staat, Gesellschaft und Individuum. Ob und wie weit diese neue normative Orientierung in der Praxis denn auch tatsächlich handlungsleitend war, ist weiter zu diskutieren.

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