Multiethnizität und (E-)Migration in Prag. Eine europäische Grossstadt als Ort realer und imaginärer Grenzen vom 16. bis ins 21. Jahrhundert

Samstag, 6. Februar
10:30 bis 13:00 Uhr
Raum 106

Prag ist eine Traumstadt – denn das Wissen über sie hat oft den Charakter nachkolorierter Postkarten, deren Rosa und Hellblau die schwarzweissen und braunen Konturen der Abbildung vergessen machen. Als Musterbeispiel von produktiver Zweisprachigkeit gelten bezeichnenderweise deutschsprachige Literaten: Die gute alte Toleranzzeit des k.u.k.-Vielvölkerreichs habe ein friedliches Miteinander der Sprachen, Konfessionen und Kulturen ermöglicht, das sich noch bis in die heile Zwischenkriegszeit fortgesetzt habe. Allerdings verkehrten deutsche und tschechische Intellektuelle in jeweils anderen Schulen, Klubs, Kaffees, Theatern, Universitäten usw. Bei den romantischen Bildern handelt es sich in der Regel um Nachkriegsvisionen, die die Gräben zuzuschütten versuchen, die der 1. und 2. Weltkrieg quer durch die Stadt und ihr Umland gerissen hatten. Die jahrhundertelange Koexistenz zweier "Nationen" (tschech. "národ"), der deutschen und tschechischen (um nur die beiden wichtigsten zu nennen), ist ein komplexes Produkt von historischen Migrationsschüben, zu deren Exlusions- und Integrationsprozessen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt ökonomischen Kosten und Nutzen noch viele Fragen offen sind.

Aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit und Minderheitenpolitik ist die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit häufig mit der Schweiz verglichen worden, ebenso auch als Aufnahmeland für politische Emigranten aus Deutschland in den Jahren 1933 bis 1938. Diese zeitweilige Politik der "offenen Grenzen" ist mit einem spezifischen Bild der beiden Länder als Zufluchtsort an der Peripherie der Grossmächte verbunden, das in unterschiedlicher Form bis heute nachwirkt. Die Schweiz war neben Kanada nach dem August 1968 eines der wichtigsten Aufnahmeländer für tschechische Emigranten (wie etwa für den Treblinkaüberlebenden Richard Glazar, der in Claude Lanzmanns Shoah auf der Terrasse des Basler Hotels Trois Rois vor der Mittleren Rheinbrücke interviewt wird, mit Zwischenschnitten eines Wasserskifahrers auf dem Fluss: Lanzmanns Filmsprache evoziert also eine Analogie zwischen der heilen Caféwelt an der Moldau um 1900 und dem Rheinknie als Ferienort für Überlebende des Zweiten Weltkriegs!). In Film und Literatur wird durch die Überblendung solcher Emigrationsgeschichten Prag als multikultureller europäischer Erinnerungsort konstruiert, dessen Bild es zu analysieren gilt – warum etwa macht W. Sebald in seinem Roman Austerlitz von 1999 gerade ein Prager jüdisches Emigrantenkind, das von England aus nach seiner Herkunft sucht, problematischerweise zum Symbol des auf allen Bahnhöfen Europas umherschweifenden (ewigen) Juden? Auch solche problematischen und klischeehaften Bilder von Prag als europäischem Erinnerungsort wird das Panel aufgreifen und mit sozialgeschichtlichen Resultaten abgleichen.

Unser Panel nutzt die Geschichtstage als Anlass, die ethnischen Grenzverhältnisse in Prag in den Blick zu nehmen und scheinbar Altbekanntes entlang des Tagungsthemas neu zu befragen. Die vielbeschworene Multikulturalität Prags wird zunaechst als eine von Michel de Certeaus "Bricolagen" verstanden, also als ein recht unstabiles Gebilde mit ebenso hybriden wie verblüffenden Verschmelzungsprodukten. Inwieweit waren die Akteure in ihren verschiedenen Alltagssphären mit unterschiedlichen kulturellen Techniken am Zustandekommen einer hybridisierten Kultur beteiligt (in welchen Sprachen wird wann und wo geredet, gelesen, geschrieben; welche Konfessionen und welche Aspekte davon werden öffentlich und in der Privatsphäre praktiziert; welche Behörden, Beamte und Reglemente gewährleisten (oder nicht) die Multikulturalität, wie prägt diese das Stadtbild, die Literatur etc.)? Dabei sollen Regelwerke ethnischer Grenzziehung und der Exklusion zur Sprache kommen und deren rechtlich-politische Rahmenbedingungen beleuchtet werden. Wie wurden ethnische Gräben vertieft oder aber zugeschüttet, Bevölkerungsteile verdrängt oder gar völlig ersetzt, inwiefern und welche Institutionen waren an solchen Prozessen beteiligt und was für ein Selbstverständnis entwickelten sie dabei für sich selber, für ihre Rolle in der Stadt und in diesem Wandel?

Das Panel soll einige Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen skizzieren, die in der anschliessenden Schlussdiskussion thesenhaft zugespitzt werden könnten. Wir wollen Prag also als exemplarisches Modell für ethnische Grenzziehungen und deren kulturelle Deutungsmuster diskutieren. Der Kontrast zur Mehrsprachigkeit und dem historischen Selbstbild eines Landes mit unterschiedlichen nationalen Komponenten wie der Schweiz wird sich hoffentlich als methodisch fruchtbar erweisen. Die Reihenfolge der Vorträge erfolgt chronologisch, von der Frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhundert und endet mit einem komparatistischen Ausblick, der in die Schlussdiskussion überleitet.

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