Die Verwandtschaft im Baum – Genealogische Grenzziehungen und Konzepte der Vererbung vom Spätmittelalter bis zur modernen Genetik

Donnerstag, 4. Februar
15:30 bis 18:00 Uhr
Raum 114

Wer sind wir? – Im Internet verspricht eine Flut kommerzieller Genetic-ancestry-tracing-Angebote, alle Fragen individueller Abstammung und Identität erschöpfend zu klären. Ein Mundabstrich genügt, um die genealogische Spurensuche aufzunehmen, die wahlweise bis zu den "Wikingern", einem afrikanischen "Urstamm" oder zu den "sieben Töchtern Evas" zurückführt.

Die Anfänge des Interesses für Abstammung, genealogische Zugehörigkeiten und die Grenzen der Verwandtschaft kann man in den spätmittelalterlichen Inzest-Diskursen fassen, wo Grenzziehungen im Zentrum standen. Zeitgleich setzten sich Stammbäume als bildliche Darstellungsform von Verwandtschaftsgruppen durch. Stammbäume und Genealogien verkörpern normative Vorstellungen klar begrenzter Verwandtschaftsgruppen, innerhalb derer materielle wie immaterielle Güter und Eigenschaften nach bestimmten Mustern vererbt werden.

In der Frühen Neuzeit gewannen Genealogien gerade im Zuge des State-buildings und der damit einhergehenden Verdichtung von verwandtschaftlichen Banden (z. B. Fideikommisse, patrilineare Erbsysteme, erbliche Ämter) weiter an Bedeutung. Im 19. Jahrhundert wurden Genealogien nun auch vom Bürgertum als Statussymbole und Herkunftsnarrative entdeckt. Zudem fanden genealogische Praktiken und Darstellungsformen Eingang in die frühe Humangenetik und formten das moderne Wissen über die Vererbung mit.

Einerseits soll diskutiert werden, wie mittels Genealogien Abstammungen konstruiert, Identitäten geformt sowie verwandtschaftliche, soziale oder ethnische Grenzziehungen gezogen werden. Andererseits werden Vorstellungen von den Gaben, Merkmalen und Substanzen in den Blick genommen, die innerhalb von Verwandtschaftsgruppen vererbt wurden. Es gilt in einer epochenübergreifenden Perspektive auszuloten, inwiefern es sich bei vormodernen genealogischen Vorstellungen um Longue-durée-Phänomene handelt, die ein kulturelles Reservoir bilden, aus welchem auch moderne Herkunftsnarrative und Wissensdispositive schöpfen.

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