Zwischen den Welten. Grenzüberschreitungen in Osteuropa und in der Schweiz

Donnerstag, 4. Februar
15:30 bis 18:00 Uhr
Raum 120

Osteuropa ist ein Raum, der durch ständige Veränderungen von Grenzen charakterisiert ist. Wer vor dem Ersten Weltkrieg in Lemberg geboren wurde und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gelebt hat, musste siebenmal seine staatliche Zugehörigkeit wechseln: zwischen Österreich-Ungarn, Ukraine (L’viv), Polen (Lwów), Sowjetunion (L’vov), Deutschem Reich, Sowjetunion und erneut Ukraine. Für eine jüdische Familie, die in den östlichen Regionen des Königreiches Polen-Litauen lebte, wurden durch die Grenzverschiebungen in den Teilungen Polens zwischen 1772 und 1815 immer wieder die Netzwerke von Verwandtschaft und Bekanntschaft sowie Geschäftsbeziehungen zerrissen. Es war für sie lebensnotwendig, diese Grenzen zu unterlaufen. Ebenso galt es für sie, die imaginierten Grenzen zu überwinden, die innerhalb der traditionellen jüdischen Gemeinschaft, aber auch seitens der nichtjüdischen Gesellschaft errichtet waren. Die Sowjetunion setzte ihren Bürgerinnen und Bürgern im Alltag enge Grenzen und proklamierte zugleich die Entgrenzung des Menschen durch die Eroberung des Kosmos. Nomaden in Zentralasien gerieten in Konflikt mit den Behörden, weil ihre Weidegebiete nicht an den Grenzen der jeweiligen staatlichen Territorien endeten. Die Grenzen, die durch die zahlreichen Kriege allein im 20. Jahrhundert gesetzt wurden – von den beiden Weltkriegen bis zu den Balkankriegen 1912/13 oder den Kriegen in Südosteuropa seit dem Zerfall Jugoslawiens –, entsprachen nicht den verschiedenen nationalen Konzepten und entzündeten deshalb neue Konflikte. Emigrantinnen und Emigranten oder Internierte und Deserteure aus Osteuropa, die in der Schweiz Zuflucht fanden, mussten aus der Ferne die Veränderungen in ihrer Heimat nachvollziehen und stiessen in der Schweiz auf „innere Grenzen“. Diejenigen, die sich hier einbürgerten, waren „unterwegs“ zwischen verschiedenen Grenzen.

Allein diese Beispiele zeigen, wie eng die physischen Grenzen und die Versuche, sie zu überwinden, mit geistig-konzeptionellen Grenzen und Grenzüberschreitungen zusammenhängen. Der Grenzgänger und die Grenzgängerin „zwischen den Welten“ sind als Akteure für Osteuropa typisch. Alle Referentinnen und Referenten gehen von einem relationalem Raumbegriff und einer lebensweltlichen Orientierung aus. Sie widmen sich dem Verlassen und Gewinnen von Räumen durch Grenzüberschreitungen, den Vorstössen über den bisherigen lebensweltlichen Horizont hinaus, den Folgen für das eigene Bewusstsein, die die Veränderungen mit sich brachten, und den Konflikten zwischen der Selbst-Verortung und den zugewiesenen Orten, die physische oder ideell-mentale Grenzen setzten. Darüber hinaus geht es um die Weiterentwicklung theoretisch-methodischer Konzepte, um den Raumbegriff ebenso wie um Überlegungen zur Liminalität und zum marginal man, um die Konstruktion und Dekonstruktion von Grenzen.

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