"Brahmanen aus dem Norden"? Jesuitische Missionare als Grenzgänger im Indien des 17. Jahrhunderts

Nach 1498 intensivierte sich der europäisch-indische Kontakte, doch die Europäer, die in den folgenden 250 Jahren nach Indien kamen, mussten sich in ganz anderem und viel weiter reichenden Maße auf die Gegebenheiten und die Herrschaftsstrukturen des Subkontinents einlassen, als man es sich aus der Perspektive des späteren Kolonialismus zunächst vorstellt. Im Mittelpunkt dieses Vortrages stehen jesuitische Missionsversuche in Indien. Neben ihrer Tätigkeit innerhalb des portugiesischen Herrschaftsbereichs in Goa und den drei Gesandtschaften an den nordindischen Mogulhof blieben ihre Missionserfolge im 16. Jahrhundert hinter den Erwartungen zurück. Roberto de Nobili, ein italienische Jesuit, konzipierte im 17. Jahrhundert eine ähnliche Strategie wie Matteo Ricci in China, um einen besseren Zugang zu den sozial höher stehenden, vor allem brahmanischen Gesellschaftsgruppen zu erhalten. Diese Strategie bestand in einer Anpassung an brahmanische Moral- und Reinheitskonzepte und gleichzeitig einer Verschleiern der europäischen Herkunft der Missionare. Dadurch mussten sie die Grenze zwischen ihrer europäischen Herkunftsgesellschaft und den zu missionierenden indischen Kulturen in einer besonders drastischen Weise überqueren. Ich will untersuchen, wie diese Missionsstrategien in den Publikationen in Europa (vor allem dem Neuen Weltbott) dargestellt und legitimiert wurden. Neben der Untersuchung dieses wichtigen Aspektes indischer Missionsgeschichte ermöglicht dieses Thema Antworten auf die Frage nach der Art und Weise frühneuzeitlicher Grenzziehung, wie auch danach, was jeweils als fremd und eigen konstruiert wurde.

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