Gemischtes Blut und die Grenzen der Verwandtschaft. Debatten am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit

Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert verfassten Theologen und Juristen im westlichen Europa immer neue Versionen von Traktaten über die "Arbor Consanguinitatis", ein Diagramm, mit dessen Hilfe sich im Zusammenhang mit Erb- und Inzestfragen Verwandtschaftsgrade berechnen liessen. Ausgehend von solchen praktischen Anliegen entwickeln viele Traktate grundlegendere Überlegungen zu sozialen und körperlichen Implikationen des Verwandtseins. Die Texte gehörten damit zu den ganz wenigen vormodernen Schauplätzen einer gewissermassen theoretischen Reflexion über Verwandtschaft. Der Vortrag stellt zwei diskursive Entwicklungen in den Vordergrund. Zum einen äussert sich ab der Zeit um 1400 eine zunehmende Faszination für Blut als körperliche Substanz, die Verwandte teilen, und für Prozesse des "Blutmischens". Damit ging zum anderen ein neues Interesse für Fragen nach den äusseren Grenzen der Verwandtschaft einher. Beides erscheint als Ausdruck eines Wandels im Sprechen über Verwandtschaft, die immer weniger nur als Beziehungsgeflecht und zunehmend auch als Bauprinzip klar umgrenzbarer Verbände und sozialer Grenzziehungen verstanden wurde.

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