Genealogische Praktiken in der Humangenetik am Beispiel von Ernst Hanhart

Der Zürcher Mediziner Ernst Hanhart, der als Pionier der Humangenetik in der Schweiz gilt, verfolgte seit den 1920er-Jahren ein Forschungsprojekt, das er bis in die 1960er-Jahre fortführte: Mittels Erhebung genealogischer Daten und Aufstellung weit zurückreichender Stammbäume sollte die Bevölkerung der Schweizer Alpentäler erbbiologisch erfasst werden, um dergestalt die Entstehung und Verbreitung von rezessiven Erbpathologien zu untersuchen. Das Sammeln und Aufzeichnen von Stammbäumen spielten in der frühen Humangenetik eine zentrale Rolle bei der Herstellung und Zirkulation erbbiologischen Wissens. Gleichzeitig sollte die Sammlung genealogischer Daten die Voraussetzung für eine zukünftige eugenische Bevölkerungspolitik schaffen. Der Beitrag lotet am Beispiel von Hanharts Stammbaumforschungen den Zusammenhang von genealogischen Verwandtschaftsauffassungen, genetischer Erkenntnisproduktion und biopolitischen Zielsetzungen aus. Dabei geht er der Frage nach, inwiefern die genealogischen Praktiken und Darstellungen kulturelle Konzepte der Verwandtschaft und der Abstammung transportierten, die das moderne Wissensdispositiv der Vererbung mitprägten.

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