Kolonialskandale setzten Grenzen – der Fall Atakpame als Medienereignis und Mikrogeschichte

Im Mittelpunkt des Vortrags steht ein Kolonialskandal, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der deutschen Kolonie Togo zugetragen hat und die deutsche Öffentlichkeit in Reichstag und Medien stark beschäftigte. Im Unterschied zur neueren Medienskandalforschung soll nicht allein der Prozess der Skandalisierung untersucht werden, vielmehr wird es auch darum gehen, die skandalisierten Ereignisse selbst in den Blick zu nehmen: Konkret geht es um angebliche sexuelle und körperliche Übergriffe eines Kolonialbeamten zum einen und die im Gefolge dessen entstehenden Konflikte zwischen Missionaren, die sich zu Verteidigern der "Eingeborenen" machen, und der Kolonialregierung. Eine Perspektive, die die Skandalisierung und die Ereignisse miteinander verschränkt, kann zeigen, dass in der deutschen Öffentlichkeit eine andere Geschichte erzählt wurde als in Togo selbst. Die Differenz bezieht sich vor allem auf die den Europäern und der lokalen Bevölkerung zugewiesenen Rollen, beziehungsweise den Grenzen, die diese trennen. Verlief die Grenze in den Medienberichten und Reichstagsreden recht eindeutig, so sehen die Grenzen zwischen Europäern und lokaler Bevölkerung aus der Perspektive der Akteure vor Ort ganz anders aus. Hier werden Grenzziehungen vor allem zwischen Europäern und innerhalb der verschiedenen Teile der lokalen Bevölkerung sichtbar, die auch deutlich machen, dass nicht nur die zeitgenössische Vorstellungen von Kolonien sondern auch die aktuelle Forschung zur "situation coloniale" problematische Vorstellungen von Ein- und Ausschließungen hat.

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