Mehr als nur die Landesgrenze überschritten: Deserteure des russischen Expeditionscorps in der Schweiz 1918

Im Jahr 1918 überschritten etwa Tausend russische Deserteure aus einem russischen Expeditionscorps in Frankreich in kleinen Gruppen die Grenze zur neutralen Eidgenossenschaft. Die Umbrüche in Russland hatten die ehemals rechtlosen Bauernsoldaten der Zarenarmee zu freien Sowjetbürgern in Uniform gemacht, und mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk schien der Krieg für sie zu Ende zu sein. Ihre Hoffnungen, nach Jahren des Krieges in der Fremde in die Heimat zurückkehren zu können, erfüllte sich jedoch vorerst nicht, da die Repatriierung ins revolutionäre Russland viel Zeit und politisches Kalkül in Anspruch nahm. Die Deserteure waren zu einem längeren Aufenthalt in der von sozialen Unruhen, Bolschewismusangst und Überfremdungsdiskurs geprägten Schweiz gezwungen. Sie stiessen bald auf "innere Grenzen" und gerieten zwischen die Fronten: Zwischen reformorientierter Sozialdemokratie, städtischer Arbeiterschaft und einer konservativen, bürgerlich oder ländlich geprägten Mehrheit sowie zwischen revolutionären und antibolschewistischen russischen Diaspora-Organisationen. Anhand von Behördenberichten und Briefen soll versucht werden, die Lebenswelten der russischen Soldaten in der Schweiz mit ihren verschiedenartigen "Grenzerfahrungen" im Schicksalsjahr 1918 aus einer Akteursperspektive zu rekonstruieren.

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