Täuferische Netzwerke in der Eidgenossenschaft

Längere Zeit herrschte die Meinung vor, dass sich nach Zwinglis Tod 1531 in der Schweizer Täufergeschichte nicht mehr viel Spektakuläres abgespielt habe. Die fortschreitende Arbeit an den Quellen und nicht zuletzt der 2008 veröffentlichte dritte Band der "Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz" haben gezeigt, dass dem nicht so ist. Zwar haben sich die theologischen Grobkonzepte der Täufer, die nicht zuletzt im berühmten Schleitheimer Bekenntnis von 1527 festgehalten worden sind, weitgehend gehalten, doch gestatten die neuen Quellen interessante Einblicke in alltags-, personen-, sozial-, rechts- und wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge. Insbesondere wird deutlich, dass die sogenannten Schweizer Brüder soziologisch als weitmaschiges, dezentrales Netzwerk beschrieben werden können, das sich in seiner nord-südlichen Ausdehnung von Süddeutschland bis in die Innerschweiz und in seiner ost-westlichen Ausrichtung mindestens vom Bodensee bis in die französische Schweiz erstreckte. Die Täufergemeinden stellten selbständig agierende Zellen mit überterritorialer Struktur dar und suchten für ihre Versammlungsplätze nicht selten Grenzgebiete zu anderen Kantonen auf, um sich dem Zugriff der jeweiligen Obrigkeit zu entziehen. Darüber hinaus verhinderte die Überlagerung des täuferischen Netzes mit demjenigen der lokalen Verwandtschaften und Freundschaften häufig die völlige Zerschlagung des Täufertums durch Obrigkeit und Kirche. Vor allem unter der ländlichen Bevölkerung zählten weniger die konfessionellen Grenzen als diejenigen zwischen der Dorfgemeinschaft und Aussenstehenden bzw. der Stadt.

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