Germaine de Staëls Deutschland- und Italienbilder: Funktionen und kulturelle Grenzen

Als nach der militärischen Niederlage Frankreichs gegen Preußen 1870 das offen ausbrach, was man als die ‚crise allemande de la pensée française’ (Claude Digeon) beschrieben hat, wurde unter den Schuldigen für das vermeintlich zu harmlose französische Deutschlandbild, das zur Fehleinschätzung der realen Machtverhältnisse zwischen den beiden Ländern geführt habe, häufig Germaine de Staël genannt, deren "De l’Allemagne" (1813/14) die Deutschen als unpolitische Träumer verniedlicht habe. Heine hatte dem Werk der Französin mit seinem eigenen, ausdrücklich gegen das Staëlsche Deutschlandbild gerichteten "De l’Allemagne" bereits 1835 eben diese Tendenz attestiert. Nun hatte aber die von Napoleon 1803 aus Paris vertriebene Autorin keineswegs einen derart naiven Blick auf das kulturell ‚Andere‘, das sie auf ihren Deutschlandreisen von 1803/1804 und 1808 vorfand, sondern sie konstruierte dieses ‚Andere‘ als einen bewussten Gegenentwurf, der die ‚libertiziden’ Seiten des napoleonischen Herrschaftssystems um so deutlicher hervortreten lassen sollte. Auch die literarische Verarbeitung ihrer Italienreise von 1804/1805, die in dem Roman "Corinne ou l’Italie" (1807) ihren Ausdruck fand, war Teil dieses Programms. Der Vortrag skizziert: 1) welche Bilder von Deutschland und Italien Mme de Staël entwirft; 2) wie darin als Negativ ihre Urteile über die französischen Verhältnisse enthalten sind und schließlich; 3) wie die Darstellung Deutschlands und Italiens von den jeweils Dargestellten rezipiert wurde.

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