Die Grenze des Normalen – Wahrnehmungen eines Taugenichts im ausklingenden 18. Jahrhundert

Im Jahresbericht der Irrenheilanstalt Giesing von 1806 klagte der Giesinger Irrenarzt Dr. Sax: "Eine der Ersten, und wichtigsten Ursachen der Unheilbarkeit, so vieler Geistes Kranken in unseren Institute, ist erstens der Umstand, daß sie vor ihrem jetzigen Aufenthalte, schon lange vorzüglich auf dem Lande mit [...] Aderlässen Laxir- und Brechmittel oder Exorcismen behandelt – dann auf einige Jahr in unmenschliche Löcher gesperrt, oder wie Verbrecher in Eisen geschmiedet wurden". Einer der Insassen war Jakob Endorfer, der gemäss Krankenakte bereits seit Jahren an "habituellem Wahnsinn" litt. In der Diagnose "habitueller Wahnsinn" schnurrt ein komplizierter Aushandlungsprozess auf einen einzelnen Begriff zusammen: Unheilbarkeit. Der Irrenarzt ist mit seinem Latein am Ende, und die knappe Patientenbeschreibung lässt nicht mehr viel von den verwinkelten Lebenslinien ahnen, die schliesslich in die Irrenheilanstalt Giesing führten. Der Vortrag geht dieser Vorgeschichte nach. Jakob Endorfer gerät immer wieder in diskursive Brennpunkte seiner Zeit. Dabei erscheint seine Auffälligkeit wie in einem Kaleidoskop in immer neuen Mustern. Indem der Vortrag diesen Verschiebungen nachgeht, lotet er die je neu gezogenen Grenzen des Normalen aus.

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