(Un)sichtbare Grenzen. Städtebauliche Folgen des Abbruchs urbaner Befestigungsanlagen im 19. Jahrhundert

Der Beitrag untersucht am Beispiel der Städte Basel und Zürich die städtebaulichen Folgen des Abbruchs der urbanen Befestigungsanlagen. Die alten Stadtmauern und Schanzen wurden mit den bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts, als Symbole des ständischen Herrschaftssystems, meist abgerissen. Der Vergleich zwischen Basel und Zürich zeigt, dass die dabei frei gewordenen Räume städtebaulich völlig unterschiedlich genutzt werden konnten. In Zürich war die Schleifung der alten Befestigungsanlagen nach 1831 ein politischer Akt und Zeichen für den revolutionären Bruch mit dem Ancien Régime. Der Abbruch wurde durch den Verkauf des neu gewonnenen Landes an private Investoren gesichert, was die frei gewordenen Grundstücke zerstückelte und eine planmässige Erschliessung der gewonnenen Räume erschwerte. Auf dem Areal der ehemaligen Tore entstanden neue Plätze, Alleen oder Parkanlagen. Dadurch verschob sich das Stadtzentrum vom mittelalterlichen Stadtkern nach Südwesten auf das Gebiet der späteren Bahnhofstrasse. Die Politik der neuen bürgerlichen Eliten zielte auf einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Die Stadtmauern wurden fast vollständig beseitigt; im heutigen Zürich finden sich nur wenige sichtbare Überreste der Befestigungsanlagen. Im Unterschied zu Zürich standen beim Abbruch der Basler Stadtmauern ökonomische und nicht politische Motive im Vordergrund. Weil nach der Kantonstrennung in Basel-Stadt das Zunftregiment weiter bestand, fehlte der politische Wille für die Beseitigung der Mauern. Erst nach langem Zögern entschied sich die nach wie vor patrizisch-konservative Stadtregierung 1859 dafür, das mittelalterliche Bauwerk niederzureissen. Zwischen 1860 und 1875 fielen fast alle Mauern und Tore des alten Basels. Neue Quartiere und Grünanlagen entstanden, und der Verkehr wurde entlang der neuen Peripherie um die Stadt herum geleitet. Im Umgang mit den Überresten der Befestigung unterscheidet sich Basel stark von Zürich. Basel begründete den Abbruch mit pragmatischen Motiven – etwa dem Bevölkerungswachstum –, ohne damit einen symbolischen Bruch mit der Vergangenheit zu inszenieren. Im Gegenteil: Einige besonders repräsentative Stadttore wurden bewusst vom Abriss verschont, restauriert und als Monumente einer positiv erinnerten ständischen Vergangenheit musealisiert.

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