"Defektzustand": Persönlichkeitskonzepte in der Psychiatrie der Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in weiten Teilen Europas die Leukotomie eingeführt: ein operativer Eingriff ins Gehirn, der das Ziel verfolgte, psychische Symptome zu bessern. Die Methode galt als erstes Behandlungsverfahren, das eine Persönlichkeit in Kürze radikal und dauerhaft verändern konnte. In Kontinentaleuropa wurden deshalb vor allem Personen mit "zerstörter" Persönlichkeit operiert. Psychische Störungen konnten nämlich, so die Vorstellung, die Persönlichkeit eines Menschen beschädigen und zu einem "Defektzustand" führen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte man sich in medizinischen Kreisen eingehend mit dem Persönlichkeitswandel auseinander, den Leukotomien nach sich zogen. Dabei verzichteten die Ärzte darauf, den Begriff der Persönlichkeit zu definieren, beurteilten aber, wer über wie viel Persönlichkeit verfüge. Der Beitrag geht den Grenzziehungen nach, die in dieser Debatte erfolgten. Er analysiert, welche Vorstellungen von Persönlichkeit in der Psychiatrie der Nachkriegszeit vorherrschten und welche Folgen diese Persönlichkeitskonzepte nach sich zogen.

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