Der senkrechte Durchschnitt als Grundoperation der Geologie im 19. Jahrhundert

Das geologische Profil gehörte zu den massenhaft hergestellten Bildern aller erdwissenschaftlich interessierten Forschungsreisenden. Karl Caesar von Leonhards Agenda geognostica, Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigste deutschsprachige Anleitung für geologische Feldforschung, brachte den Zweck des Profils, d. h. des senkrechten Durchschnitts durch die oberflächennahen Gesteinsschichten, auf den Punkt: Durch ein Profil sollte "Materielles als getheilt erscheinen …, so dass die innere Structur erkannt werden kann." Der Durchschnitt vergegenwärtigte dem Geologen und seinem Publikum nicht direkt verfügbare Gegebenheiten. Der Vortrag diskutiert verschiedene Profiltypen und ihre Herstellung: natürliche Profile, wie sie etwa entlang von Taleinschnitten zu Tage traten, idealtypische Profile bestimmter Gegenden, die aus punktuell beschreibbaren "Aufschlüssen" extrapoliert wurden, und Profile, die sich als Nebenprodukt industriellen Wirtschaftens (Montanindustrie, Eisenbahn) ergaben. So lieferte der zwischen 1898 und 1905 gebaute Simplontunnel den schweizerischen Geologen ein Profil durch die Walliser Alpen. Insbesondere wird danach gefragt, was genau die Wissenschaftler gewannen, wenn sich für sie wie beim Tunnelbau die Grenzen des Sichtbaren auf ungewohnt grossräumige Art verschoben.

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