"Solidarität" mit dem Westen? Der Finanzplatz Schweiz und die italienische Kapitalflucht in den 1960er Jahren

Mit der Neutralität bildete die "Solidarität" (faktisch die Anlehnung an den Westblock) einen Grundpfeiler der schweizerischen Aussenpolitik während des Kalten Krieges. Wie "solidarisch" agierte nun aber in der Praxis die Eidgenossenschaft gegenüber den westeuropäischen Partnern? Vor allem die Rolle des schweizerischen Finanzplatzes, wichtigste Anlaufstelle für die Steuerfluchtgelder ihrer Nachbarländer, war diesbezüglich problematisch, wie die Beziehungen zu Italien beispielhaft zeigen. Nachdem in den 1950er Jahren Italien noch stark von den bilateralen Finanzbeziehungen hatte profitieren können (Kredite, Anleihen), wendete sich die Situation im darauf folgenden Jahrzehnt. Während den 1960er Jahren wurden insgesamt mehr als 30 Milliarden Franken über die Südgrenze in die Schweiz geschmuggelt. Der grösste Teil davon floss nach Italien zurück, aus steuerlichen Gründen getarnt als schweizerische Auslandsinvestitionen. War aber die politische und soziale Lage in Italien besonders angespannt, blieb ein grösserer Anteil der Gelder in der Schweiz, was erheblich dazu beitrug, dass 1963 und 1969 die italienische Zahlungsbilanz aus dem Gleichgewicht geriet.

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