Genealogisches Denken und Rassismus. Transformationen des Begriffs der "Ebenbürtigkeit" zwischen Adelsrecht, "wissenschaftlicher Genealogie" und Nationalsozialismus (1900-1945)

Ebenbürtigkeit als angestammter Begriff des Adelsrechts bezeichnete die wesentliche Bedingung einer standesgemässen Ehe. Im Zuge des Aufstiegs der "neuen Genealogie" seit etwa 1900, die einerseits politische Bewegung, andererseits (eigenständige) Wissenschaft zu sein beanspruchte, erfuhr der Begriff eine biologistische Umdeutung, die bereits mit Ottokar Lorenz' "Lehrbuch der gesammten Genealogie" (1898) einsetzte und vor allem durch den Rechtshistoriker Otto von Dungern im Rahmen seiner These vom Adel als einstiger biologischer Auslese präzisiert wurde. Diese Transformation durch die "wissenschaftliche Genealogie" ging damit der Deutung von "Ebenbürtigkeit" im rassenhygienischen und "rassischen" Sinne bei Autoren wie R.W. Darré und H.F.K. Günther voraus. Als Gegenidee zur "Gleichberechtigung" avancierte "Ebenbürtigkeit" zu einem rassistischen Schlüsselbegriff. Das begriffsgeschichtliche Beispiel dient als Beleg der These, dass die Bedeutung genealogischer Vorstellungen für das politische Vererbungsdenken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem aber in Hinblick auf die NS-Rassenideologie, bislang deutlich unterschätzt wurde.

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