Gemalte Schwellen – Grenze und Einladung

Fenster und Türen öffnen sich in der mittelalterlichen Buchmalerei oft in imaginäre und imaginierte Räume. Der andächtige oder sehnsuchtsvolle Blick dorthin ist schon vielfach thematisiert worden. Dieser Beitrag wird sich nun mit den gemalten Grenzen dieser Räume beschäftigen und die architektonisch oder ornamental gestalteten Schwellen auf ihre Materialität und die ihnen inhärenten Grenz- und Überschreitungssignale untersuchen.

Auf welche Weise eine Schwelle wahrgenommen und verarbeitet wird, hängt in hohem Maße von der Situation des/der Betrachter/in ab, von seiner/ihrer gesellschaftlichen Rolle und Beziehung zum innerbildlichen Personal, das an den Schwellen steht bzw. vor ihnen sitzt oder kniet. Da man die Besitzer/innen und die möglichen Rezeptionssituationen einiger Stundenbücher des 14.-16. Jahrhunderts (z. B. New York, Cloisters, 54.2.1; Wien, NB, Cod. Vind. 1857) mit ihren verschachtelten Architekturen und vermeintlich offenen Schauräumen recht gut rekonstruieren kann, eignen sich ihre Miniaturen besonders, das komplexe Zusammenspiel zwischen Betrachterraum und Bildraum, äusseren und bildimmanenten Schwellen sowie der Rolle der Imagination bei deren Überschreitung zu analysieren und versuchsweise zu entflechten.

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