Prag – Die Verwaltung einer Stadt zweier Nationen (19. und Anfang des 20. Jahrhunderts)

Die Bevölkerung Prags bestand im 19. Jahrhundert mehrheitlich aus Angehörigen der tschechischen Nation, die Verwaltung der Stadt jedoch lag in den Händen der deutschen Minderheit. Erst im Jahr 1848 begann sich die Situation zu verändern, und zu einem grundlegenden Umbruch kam es im Jahre 1861 nach der Wiedereinführung der städtischen Selbstverwaltung in der Monarchie: In den Kommunalwahlen gewann die tschechische Partei die Mehrheit. Gleichzeitig kam es zum Wechsel in der Behördensprache der Prager Stadtverwaltung, denn das Tschechische ergänzte nun das vorher ausschliesslich gebrauchte Deutsch. Der Anteil der Repräsentanten aus der deutschen Bevölkerungsgruppe in der Prager Stadtvertretung sank (parallel zum Rückgang der Deutschen in Bezug auf die gesamte Prager Bevölkerung), und ebenso ihr Einfluss auf die Entscheidungen und Ausrichtungen der Stadtpolitik. Der letzte Vertreter der deutschen Nation verliess die Stadtvertretung am Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts und von der Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, bzw. bis zur Entstehung der selbständigen tschechoslowakischen Republik lag die Verwaltung dieser Vielvölkerstadt nur in tschechischen Händen. Darin unterschied sich die Prager Kommunalpolitik von der Landespolitik, die national gespalten war. Die nunmehr emanzipierte tschechische Verwaltung der Hauptstadt realisierte in der Praxis die Konzepte der tschechisch-nationalen Politik, was aber nicht heisst, dass sie sich nicht um die Bewohner der anderen Bevölkerungsgruppen gekümmert hätte. Einerseits war sie durch die Gesetze (z.B. über das Gemeindeschulwesen) dazu verpflichtet, andererseits betrafen ihre Bemühungen um die Modernisierung und Entwicklung der Stadt alle Bewohner. Der wachsende nationale Antagonismus und die Radikalisierung der Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb aber nicht ohne Folgen auf die alltägliche Politik der Prager Stadtverwaltung, die in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu den bedeutendsten politischen und wirtschaftlichen Kräften der ganzen tschechischen Gesellschaft gehörte.

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