Zwischen Demokratiekritik und Führerprinzip. Die Rechtswissenschaftler der Deutschen Karls-Universität in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und im "Protektorat Böhmen und Mähren" (1918-1945)

Unter den nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufenen Demokratien scheint der Ersten Tschechoslowakischen Republik ein Ausnahmestatus zuzukommen. Während in vielen anderen Staaten die Demokratie aus staatsinternen Gründen durch autoritäre Regime abgelöst wurde, erfolgte dies in der Tschechoslowakei (ČSR) erst durch äußeren Druck. Das Land zeichnete sich im osteuropäischen Vergleich durch einen starken Schutz der Minderheiten und eine liberale Asylpolitik aus. Obwohl es vor dem Hintergrund einer gemischtsprachigen Bevölkerung und historisch unterschiedlich geprägten Landesteilen verfassungsrechtlich nahe gelegen hätte, eine föderative Republik zu gründen, gab man einer zentralistischen Republik den Vorzug. Bis heute sprechen nationalistisch gesinnte Autoren in der ex post-Betrachtung von einer "Fehlkonstruktion" des neuen Staates und rechtfertigen dessen Zerstörung mit dem "ungelösten" Minderheitenproblem. Am Diskurs über das "Minderheitenproblem" beteiligten sich auch die deutschsprachig lehrenden Rechtslehrer der Deutschen Karlsuniversität in Prag. Der Vortrag behandelt exemplarisch die zeitgenössische Verfassungskritik der Staatsrechtslehrer, politische Legitimationsstrategien der Rechtshistoriker sowie deren akademische Auseinandersetzung mit den Rechtslehrern der tschechischsprachigen Universität in Prag, die nach der deutschen Besatzung 1939 geschlossen wurde, sowie die institutionellen, personellen und Veränderungen im "Protektorat Böhmen und Mähren".

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