Seamless. Die Second Skin als Leitvision der Trikotproduktion im 20. Jahrhundert

Seit dem Durchbruch der schlanken weiblichen Modesilhouette in den 1920er Jahren ist die Bekleidungsindustrie darum bemüht, möglichst hautanliegende, dünne, nicht auftragende und gleichzeitig körpermodellierende Unterkleidung herzustellen. Insbesondere die im ausgehenden 19. Jahrhundert sich formierende Wirkerei- und Strickereiindustrie warb von Anfang an mit der Porosität, Elastizität und Anschmiegsamkeit ihrer Fabrikate. Mit der Demokratisierung von Sport und Körperkultur sowie mit der Beimischung von leichter und farbenfreudiger Viskose avancierte das flexible Maschengewebe in der Zwischenkriegszeit zum Stoff von Mode, Modernität und Mobilität. Die Konfektion mit ihren arbeitsintensiven Schnitt-, Näh- und Gradierungstechniken gehört allerdings bis heute zu den Herausforderungen und Problemzonen einer konkurrenzfähig organisierten Trikotproduktion. Neue Fasergenerationen wie Elastane und Mikrofasern verbesserten seit den 1960er Jahren die "hautähnlichen" Eigenschaften des Maschengewebes und etablierten in den 1980er Jahren die Second Skin als Leitvision körpernaher Wäscheproduktion. Heutige Underwear-Artikel sind vorzugsweise "soft", "seamless" und vermitteln "das sinnliche Gefühl einer zweiten Haut". Die Naht, im Schneiderhandwerk ein Zeichen passgenauer Massarbeit, wurde aber nicht nur auf dem Massenbekleidungsmarkt zu einem Makel stigmatisiert: Verschiedenste Unternehmen werben mit "nahtlosen" Prozessen, Produkten, Oberflächen, Lösungen. Der Vortrag untersucht die Entwicklung hautnaher Bodywear im Schnittfeld von Textilproduktion, Kleiderkonsum und Körperkultur und diskutiert technische und kulturelle Implikationen, die im Ideal "nahtloser" Produkte und in der textiltechnischen Verstrickung von Haut und Kleidung zum Ausdruck kommen.

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