Skizze einer Praxisgeschichte der Archivnutzung

Der Beitrag verfolgt skizzenhaft, wie sich die Archivnutzung durch Historikerinnen und Historiker seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewandelt hat. Ausgangspunkt ist die quasi-sakrale Aura, die Archivquellen im Historismus zukam. Im 20. Jahrhundert hat sich der Status des Archivs als geschichtswissenschaftlicher Ressource in verschiedene Richtungen ausdifferenziert. Kliometrische und quantifizierende Ansätze verstehen das Archiv als Hort statistisch verwertbarer Massendaten. Kultur- und mikrohistorische Zugänge führen die Bedeutung lokaler oder privater Archive vor Augen. Ansätze wie die Oral History oder die historische Bildforschung setzen einen erweiterten Archivbegriff voraus, der auch nicht-textliche Quellen umfasst. Der Aufstieg des Internet und der Digitalisierungstrend haben schliesslich zu gesteigerten Zugriffs- und Transparenzansprüchen geführt, denen die staatlichen Archive nur verzögert nachkommen – mit der Folge, dass sich eine problematische Divergenz zwischen gut erforschten digitalisierten Quellen und unattraktiven nicht-digitalisierten Akten abzuzeichnen beginnt. Der Beitrag diskutiert auch die Schranken der Archivnutzung, etwa die verbreiteten Erschliessungsstaus in öffentlichen Archiven oder die problematischen Kassationspraktiken von Einrichtungen des Gesundheitswesens, die dem Persönlichkeitsschutz dadurch nachzukommen versuchen, dass sie die Patientenakten frühzeitig und vollständig vernichten.

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