Trennen und nachbauen. Extrakte und reine Hormone, 1920-1939

Nachdem Thomas Addison 1855 dargelegt hatte, dass die Zerstörung der Nebennieren Ursache für eine (später nach ihm benannte) tödliche Krankheit ist, schieden sich an der Frage nach dem "lebenserhaltenden Prinzip" die Geister. Lag es in einer spezifischen Substanz? Hatte die Nebenniere eine entgiftende Funktion? Und welcher Teil dieses Organs war überhaupt lebenswichtig: das Mark oder die Rinde? Bis in die 1920er Jahre hinein galt die Aufmerksamkeit dem bereits 1904 synthetisch hergestellten Hormon des Nebennierenmarks Adrenalin. Erst als Ende der 1920er Jahre verschiedene Biologen Verfahren entwickelten, um aus Nebennierenrinden adrenalinfreie Extrakte herzustellen, und adrenalektomierte Tiere damit am Leben erhalten werden konnten, war evident: die Nebennierenrinde ist das lebenswichtige Organ. Nun verschob sich die Aufmerksamkeit von der physiologisch-pathologischen auf die molekulare Ebene: die physiologische Lösung wurde als chemisch-pharmazeutisches Problem reformuliert. Verschiedene Pharmafirmen setzten auf eine Auftrennung des Nebennierenrindenextrakts in seine chemischen Bestandteile und auf eine Isolierung der lebenserhaltenden Substanz. 1939 brachte die Ciba mit Percorten (Desoxycorticosteronacetat) das erste synthetische Nebennierenrindenpräparat auf den Markt. Es war nicht das einzige, aber das im Lebenserhaltungstest am stärksten wirksame Nebennierenrindenhormon.

Sowohl das aus tierischen Nebennierenrinden gewonnene Extrakt Cortin als auch das standardisierte Percorten waren Produkte von Trennungen: der physiologischen Trennung der Rinden- von der Markfunktion, und der chemischen Trennung der amorphen Fraktion in ihre (physiologisch aktiven) Bestandteile. Diese Trennungen haben jeweils zu Lösungen aber auch zu neuen Problemen geführt und damit Transfer- und Transformationsprozesse über disziplinäre und institutionelle Grenzen hinweg gezeitigt.

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