Fachübergreifendes Lernen - Artefakt oder Notwendigkeit?

Die Diskussion über fachübergreifendes, fächerübergreifendes Lernen und Interdisziplinarität in Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht ist inzwischen gut 40 Jahre alt. Manche der da-bei erhobenen Forderungen sind erfüllt, viele haben sich als Irrwege erwiesen. Die pädagogisch-didaktische Debatte ging von einem erkenntnistheoretischen Irrtum aus. Sie sah "Fächer" als Sammlung von Inhalten, von Forschungsergebnissen an. Fächer sind aber in erster Linie Denkweisen und nicht schon deren Ergebnisse. Das spricht für die Eigenständigkeit der Fächer. Die Priorität der Denkweise "Historisches Denken" ergibt sich aus der Tatsache, dass Schüler, wenn sie die Schule verlassen, noch eine Lebenserwartung von gut 60 Jahren besitzen. Sie müssen folglich historisch denken und können nicht auf das schulisch vermittelte Wissen zurückgreifen. Die Geschichte geht eben weiter.

Die Diskussion um fachübergreifendes Lernen im Geschichtsunterricht und Interdisziplinarität geht von der Fiktion eines "Faches" Geschichte aus, das es heute so nicht mehr gibt. In der Disziplinentwicklung der letzten Jahre sind effektivere Konzepte der Entdisziplinierung entwickelt worden, als es die Vertreter des fachübergreifenden Lernens wahrhaben wollen. Ihre Diskus-sion nimmt die fachübergreifenden Bemühungen innerhalb der einzelnen Fächer gar nicht zur Kenntnis. Moderne Geschichtswissenschaft ist interdisziplinär. Begriffsgeschichte ist ohne Linguistik, Psychohistorie ohne Psychologie und Psychoanalyse, Sozialgeschichte ohne Soziologie gar nicht mehr denkbar. Moderne Geschichtsschreibung ist somit diskursiv angereichert durch interdisziplinäre Sichtweisen. Wenn der Geschichtsunterricht sich auf moderne theorieorientierte Geschichtswissenschaft bezieht, arbeitet er interdisziplinär.

Die aus der Pädagogik kommende Annahme von der "Ganzheit" gesellschaftlicher Wirklichkeit lässt sich nicht halten. Es gibt in den modernen westlichen Gesellschaften keine theorieunabhängige Alltagssprache mehr. Sie ist schon theoriegeladen und somit disziplinär. Insofern können wir nicht mehr überfachlich - "ganzheitlich" - an Alltagsphänomene, Erfahrungsgegenstände her-angehen. Das bedeutet aber nicht, dass die schulischen Inhalte beziehungslos nebeneinander stehen müssen. Das Konzept "Kooperation durch Eigenständigkeit" könnte einen denkbaren Weg darstellen. Die (deutsche) Bildungsverwaltung hat zudem eine radikale Kehrtwendung eingeleitet. Während sie (die deutsche Kultusministerkonferenz) noch vor wenigen Jahren das hohe Lied des fachüber-greifenden Unterrichts gesungen hat, setzt sie nach der PISA-Studie in scharfer Form auf Fach-lichkeit. Sie verlangt fachspezifische "Bildungsstandards" und domänenspezifische Kompetenzen. Bildungspolitisch ist fachübergreifendes Lernen in Deutschland nicht mehr gefragt.

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