Der Rand des "Südens". Zur Grenzziehung zwischen entwickelten und anderen Volkswirtschaften in der Entwicklungsökonomie

In einer umfassenden Zusammenstellung aller Entwicklungsaktivitäten des UNO-Systems stellte der türkische Ökonom Üner Kirdar 1966 fest, dass es keine schlüssige Definition von "Entwicklungsländern" gebe. Trotzdem bestand bereits um die Mitte der Sechzigerjahre eine unüberschaubare Fülle von Institutionen, die diese Kategorien in ihrer Arbeit anwendeten und bestätigten. Weitgehend theoriefrei verfestigte sich in der Praxis dieser "Entwicklungsmaschine" (James Ferguson) eine pseudogeografische Definition ("der Süden"), oder es kam faktisch eine historische Definition zur Anwendung, die alle ehemaligen Kolonialgebiete meinte, ohne dass man deshalb vertieft über mögliche koloniale Traditionen in der Entwicklungshilfe hätte nachdenken müssen.

Mein Beitrag fragt nach der Geschichte dieses Schnitts zwischen ersten, zweiten und dritten Welten, zwischen reichen und armen oder nördlichen und südlichen Ländern. Ich konzentriere mich dabei auf die Makroökonomie. Sie hat eine Technik bereitgestellt, um das Prokopfeinkommen eines Landes zu bestimmen. Es dient beispielsweise der Weltbank dazu, entwicklungsbezogene Länderkategorien messerscharf zu ziehen. Die genaue technikgeschichtliche Analyse dieser Schnittprozeduren zeigt erstens, wie wichtig die willkürlich (d.h. theoretisch nicht begründbar) gezogene Linie war, um angesichts einer wahrgenommenen Realität weltwirtschaftlicher Ungleichheit zu konkreten Handlungsanweisungen zu gelangen. Das Beispiel zeigt zweitens, dass jeder Versuch, den Rand des "Südens" zum "Norden" zu lokalisieren, auf übergreifende Ordnungsvorstellungen und Entwicklungskonzepte verweist. So dient die Auseinandersetzung mit diesem konzeptionellen Schnitt als Zugangsweise zur Geschichte der weltweiten Ungleichheit.

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