Die Tütschen und die Andern. Manifestationen von Sprachgrenzen im späten Mittelalter zwischen propagandistischem Nutzen und alltäglichem Sprachgebrauch

Die zahlreichen politischen Konflikte im europäischen Spätmittelalter förderten die Entstehung eines (über)regionalen, mitunter sprachbezogenen Identitätsbewusstseins. Da sich Herrschaftsräume selten mit Sprachräumen deckten, kam der lingua im aufkommenden gelehrten Diskurs über nationale Unterscheide nebst mores, situs und sanguis ebenfalls eine gemeinschaftsstiftende Rolle zu. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Sprachzugehörigkeit fand allerdings vorwiegend dort statt, wo eine mehrsprachige Bevölkerung auf engem Raum zusammenlebte, einer sprachlichen Minderheit trotz wirtschaftlich und sozial gefestigtem Status wenig oder keine politische Partizipation zugestanden wurde oder dort, wo Kriege zu negativ konnotierten Begegnungen mit der Anderssprachigkeit führten. Auf das Reich bezogen also in den urbanisierten Räumen des Ostens und Westens und nicht zuletzt der südlich gelegenen Eidgenossenschaft. Die Sprache der "Anderen" wurde in den örtlichen Abgrenzungsdiskussionen neben zahlreichen anderen Charakteristika des Nationenbegriffes ebenfalls zu einem negativ besetzten, zunehmend propagandistisch vereinnahmten Kulturstereotyp. Man denke dabei etwa an die Flugschriften Maximilians I., der die Angst der südwestdeutschen Städte vor "den Franzosen" gezielt für eigene fiskalische Zwecke instrumentalisierte, das mit Falschheit gleichbedeutende Welschtum in der antiburgundischen Propaganda, oder die Karikierung der Deutschsprachigen als "Barbaren" unter den italienischen Humanisten. Neben diesem politisch aufgeladenen, emotionalen Diskurs von Herrschaftsträgern und geistiger Elite, deren Argumente mehr auf Konfrontation denn auf der Koexistenz unterschiedlicher Sprachgruppen aufbaute, existierte die alltägliche Umgangsebene, die in erster Linie von kommunikativen Anforderungen geprägt war; dem Verstanden werden und sich verständlich machen – so, wie etwa in der Korrespondenz zwischen nord- und süddeutschen Städten, bei der Herrschaftsumsetzung im zweisprachigen Freiburg i. Ue. oder im Austausch zwischen Innerschweizer Orten und dem Piemont. Für die Wahrnehmung von Anderssprachigkeit war sie weitaus entscheidender. Um herauszufinden, wie stark Sprache im Spätmittelalter als ausschliessende Kategorie empfunden wurde, müssen daher sowohl Alltag und gelehrte Sicht, die jeweilige geographische Lage als auch die Chronologie einer näheren Betrachtung unterworfen werden.

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