Emilie Paravicini-Blumer: Sorgen und Pflegen als weibliche Pflichterfüllung, emotionale Einbindung und homöopathisches Experimentierfeld

An Hand der Korrespondenzen der Glarnerin Emilie Paravicini-Blumer (1808–1885) frage ich nach der Verknüpfung weiblicher Pflege von kranken Familienangehörigen und unentgeltlicher Hilfe an die Armen mit einer ausgeweiteten medizinischen Praxis. Die kinderlose Bildungsbürgerin wandte sich der Homöopathie aus Sorge um die Folgen der chronischen Knieentzündung ihrer Schwester zu. Ihre Kenntnisse eignete sie sich autodidaktisch über die Lektüre von Lehrbüchern, die Unterweisung durch ihren medizinischen Betreuer und über die Beobachtung der Wirkung von Heilmitteln an. Ausgehend von der Selbstmedikation dehnte sie ihre therapeutische Tätigkeit auf Verwandte und die sie aufsuchenden Patientinnen und Patienten aus. Im dialogischen Austausch mit diesen erfasste sie nicht nur die Krankheitssymptome, sondern eignete sich über kommunikativ geteilte Erfahrungen prozesshaft Wissen an. Ihre Praxis deutete sie als uneigennützige private Hilfe und band sich so ein in die gesamtgesellschaftliche geschlechtersegregierende Arbeitsteilung.

ReferentIn(en)