Gagarins Kosmosflug und der Traum von der Entgrenzung des Sowjetmenschen

Als Jurij Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins Weltall flog, bemerkte Nikita Chruschtschow über diese welthistorische Grenzüberschreitung: "Unser Land hat jetzt als erstes ein Raumschiff geschaffen und ist als erstes in den Kosmos vorgestossen. Ist das etwa keine glänzende Demonstration der wahrhaften Freiheit des freiesten aller freien Völker der Welt – des Sowjetvolkes!". Gagarin war folglich der allerfreieste der freien Sowjetmenschen. Das Weltall – als letzte frontier der Menschheit – war bezwungen worden. Der Sowjetstaat hatte die ungerechten Fesseln der Schwerkraft überwunden, die Grenzen der Erde durchbrochen und den heiligen Himmel erstürmt. Der Vorstellung von der totalen Entgrenzung des Menschen im Kosmos stand die kosmische Realität des Weltraumfluges gegenüber: In einer engen Kapsel rotierte der Kosmonaut auf einer genau berechneten Bahn monoton im Kreis um die Erde. Die Rhetorik von der Grenzenlosigkeit des Sowjetmenschen stand auch in eklatantem Gegensatz zur Immobilität des sowjetischen Seins. Volle Bewegungs- und Reisefreiheit waren eine Illusion. Ebenso wurden Grenzüberschreitungen in Form von "Kurs-Abweichungen" – sogar im Fall von Gagarin – streng geahndet. Der Kosmos war somit eine facettenreiche Projektionsfläche für eine bessere Zukunft und schuf eine verheissungsvolle Gegenwelt zur irdischen Begrenztheit und harten Alltagsrealität.

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